Seelsorgebereich:Impulsgedanken zum 16. Sonntag im Jahreskreis

Weizen und Unkraut – Gottes Geduld mit einer widersprüchlichen Welt
Jesus erzählt von einem Mann, der guten Samen auf sein Feld sät. In der Nacht kommt ein Feind und sät Unkraut darunter – vermutlich den Taumel-Lolch, eine Pflanze, die dem Weizen zunächst täuschend ähnlich sieht, später aber giftige Körner hervorbringt. Das Tückische: Solange die Pflanzen jung sind, lassen sie sich kaum unterscheiden. Später sind ihre Wurzeln so eng verflochten, dass beim Ausreißen des Unkrauts auch der Weizen beschädigt würde.
Jesus deutet dieses Gleichnis als Bild für das Himmelreich: Das Feld ist die Welt, der Sämann ist Christus, der gute Same sind die Kinder des Reiches, das Unkraut steht für das Böse, die Ernte für das Ende der Zeit. Gottes Reich wächst mitten in einer widersprüchlichen Welt – Gutes und Böses stehen noch nebeneinander und sind manchmal eng miteinander verwoben.
Das erleben wir jeden Tag. Die Nachrichten zeigen Krieg, Gewalt und Ungerechtigkeit. Und Urteile fallen immer schneller: Ein Satz, ein Foto, ein kurzer Video-Ausschnitt genügen oft schon, um Menschen einzuordnen – gut oder böse, fortschrittlich oder rückständig, Freund oder Feind.
Wenn Jesus sagt: Lasst beides wachsen, bedeutet das nicht, dem Bösen tatenlos zuzusehen. Das Gleichnis fordert niemanden auf, Gewalt, Missbrauch oder Erniedrigung einfach auszuhalten. Wir dürfen und sollen Handlungen beurteilen. Wo Menschen verletzt werden, müssen wir sie schützen. Unrecht muss benannt, Verantwortung eingefordert werden. Doch wir sollten nicht meinen, damit schon das letzte Urteil über einen Menschen sprechen zu können. Das bleibt Gott vorbehalten.
Der Gutsherr weiß: Der gute Same ist gesät. Er wird wachsen und Frucht bringen. Seine Geduld ist keine Gleichgültigkeit, sondern Vertrauen in die Kraft des Guten.
Drei Beispiele, wo uns dieses Vertrauen oft fehlt:
- Unsere politische und gesellschaftliche Sprache wird härter. An unterschiedlichen Positionen können mittlerweile Familien zerbrechen. Reißen wir mit manchem schnellen Urteil vielleicht etwas aus, das Gott noch wachsen lassen möchte?
- Das gilt auch für den Blick auf uns selbst. In jedem von uns wachsen Weizen und Unkraut nebeneinander: Liebe und Egoismus, Mut und Angst, Großzügigkeit und Selbstbezogenheit. Gottes Geduld ist kein Freibrief für unsere Schwächen – aber eine Einladung zur Umkehr und zugleich die Zusage, dass Gott sein Werk in uns nicht aufgibt.
- Auch die Kirche ist, wie Augustinus sagt, ein corpus mixtum – eine gemischte Gemeinschaft. Das wird etwa deutlich, wenn darüber gestritten wird, welche Rolle Laien in der Verkündigung übernehmen sollen. Schnell entstehen Lagerbildungen: die einen als mutige Erneuerer, die anderen als rückwärtsgewandt – oder umgekehrt: die einen als Verteidiger des Glaubens, die anderen als diejenigen, die ihn verwässern. Auch innerhalb der Kirche wachsen Weizen und Unkraut nicht sauber nach Gruppen getrennt, sondern in jeder Gemeinschaft und in jedem Einzelnen. Aber das Schöne ist: Gottes Geduld endet nicht an der Kirchentür. Er lädt uns alle ein.
Das Entscheidende am Gleichnis...
...ist aber nicht das Unkraut, sondern das Vertrauen des Gutsherrn. Er lässt sich vom Bösen nicht die Hoffnung nehmen. Er weiß, dass der gute Same stärker ist, als es zunächst scheint. Genau dieses Vertrauen möchte Jesus auch uns schenken. Manchmal haben wir den Eindruck, das Böse wachse schneller als das Gute – Kriege, Hass und Spaltung scheinen lauter zu sein als Versöhnung und Friede. Doch Jesus sagt: Schau nicht nur auf das Unkraut. Vergiss den Weizen nicht. Gott hat das Gute längst ausgesät, und er wird vollenden, was er begonnen hat.
Das entlastet: Wir müssen nicht die Welt retten. Wir müssen nicht über jeden Menschen das letzte Urteil sprechen. Wir dürfen und sollen dem Bösen widersprechen, Menschen schützen und Verantwortung übernehmen – aber wir dürfen zugleich darauf vertrauen, dass Gott das letzte Wort hat.
Darum dürfen wir zuversichtlich leben – nicht weil wir die Augen vor dem Bösen verschließen, sondern weil wir auf den vertrauen, der den guten Samen gesät hat und ihn wachsen lässt.