Seelsorgebereich:Was würde fehlen, wenn es uns nicht gäbe?

Was würde fehlen, wenn es uns nicht gäbe?
Eine unbequeme Frage – aber genau diese provoziert das Evangelium vom elften Sonntag im Jahreskreis. Nicht als Vorwurf, sondern als Einladung zum Nachdenken.
Jesus hat uns kein Gesetzbuch hinterlassen und keine frommen Kalendersprüche. Er hat uns etwas viel Lebendigeres geschenkt: eine Art - so könnte man sagen - „Erbinformation”, eine DNA, an der wir als Christen erkennbar sein sollen. Und diese DNA hat einen klaren Kern:
Als Jesus die Scharen von Menschen sah, „hatte er Mitleid mit ihnen – denn sie waren wie Schafe ohne Hirten.” (Mt 9,36)
Erbarmen, Zuwendung, Mitleid. Das ist die Grundhaltung, aus der heraus er handelte – und aus der heraus (so wird uns im Evangelium geschildert) er seine Jünger aussandte.
Gottes Güte, sein Wohlwollen, seine Freundlichkeit gegenüber den Menschen: Das ist der Kern dieser Erbinformation. Und wer sie in sich trägt, wird daran erkennbar.
Eine Erbinformation für alle Getauften
Durch Taufe und Firmung haben auch wir diese Erbinformation empfangen.
Kranke heilen, Tote auferwecken, Aussätzige rein machen, Dämonen austreiben – hieß damals der Auftrag.
Natürlich sind wir keine Wunderheiler.
Aber tot ist ja nicht nur, wer auf dem Friedhof liegt.
Der Tod fängt dort an, wo Menschen sich nichts mehr zu sagen haben.
Wo jemand immer wieder übergangen wird.
Wo sich jemand in sein Schneckenhaus zurückzieht und abkapselt.
Wo Lebensfreude zum Fremdwort wird.
Aussatz beginnt dort, wo jemand ausgegrenzt wird, nicht mehr beachtet wird.
Und die Dämonen unserer Zeit? Sie haben keine Gestalt – aber wir kennen sie:
Es sind Gleichgültigkeit und Hoffnungslosigkeit;
die Jammerei und das Schwarzmalen;
das Kleinreden des Lebens,
die Suche nach Sündenböcken.
Das Glas, das immer nur halb leer und nie halb voll ist.
Die Antwort auf die Dämonen unserer Zeit
Diesen Dämonen entgegenzutreten – das bedeutet, die DNA Jesu in sich lebendig zu halten. Das bedeutet zu verkünden, mit Worten und mit der eigenen Haltung: Das Himmelreich ist nahe.
Und diese Erbinformation ist stärker als alle Dämonen. Sie lautet: Erbarmen. Zuwendung. Lebensfreude. Hoffnung. Zuversicht. Das hat Jesus in uns angelegt – und das ist unser Auftrag in dieser Welt.
Nicht irgendwann, nicht irgendwo – sondern heute, hier, im Umgang mit dem Menschen neben uns.
Wenn nicht wir gegen die Dämonen unserer Zeit antreten – wer dann?
Wenn nicht wir von Jesu zuversichtlicher, mutmachender Botschaft erzählen – mitten in einer Zeit voller Krisen –, wer soll es dann tun?
Eine Frage für diese Woche
Vielleicht ist das die Frage, die wir aus diesem Sonntag mitnehmen dürfen:
Welche DNA zeigt sich in mir – heute, in dieser Woche, im Umgang mit dem Menschen neben mir?
Die Welt braucht Menschen, in denen die Erbinformation des Geistes Jesu sichtbar wird – heute vielleicht mehr denn je.